NahmmacherAm 27. Mai 1913 in Gera-Untermhaus geboren, zog die musisch begabte Elly-Viola Nahmmacher, damals noch Müller, 1921 nach Greiz, die Stadt ihrer Großeltern. Eine Begegnung des 13jährigen Mädchens mit dem Dresdener Bildhauer Karl Albiker, der ein umstrittenes Denkmal für die Opfer des 1. Weltkrieges in Greiz enthüllte, ließ sie den Weg des Bildhauers erahnen. Umwege führten sie als Zeichnerin in die Reichs-Limes-Kommission nach Freiburg im Breisgau. Und dort, um ein Zitat von ihr zu verwenden, kam alles so, wie es kommen sollte. Die Bildhauerin Eva Eisenlohr wird ihre erste Lehrerin, Emil Mund und Rene Sintenis folgen. Von Barlach begeistert, vom Expressionismus wie der abstrakten Kunst gleichermaßen angezogen, findet sie ihre entscheidenden Vorbilder in Henry Moore und Barbara Hepworth.

Nach der Heirat eines Chemnitzer Arztes 1938 kniet sie sich ganz in die Arbeit als Bildhauerin, findet bereits ein Jahr später ihre Anerkennung. Die Forderungen des Bauhauses nach einer auch den Alltag bestimmenden Kunst waren ihr vertraut. Formensprache und Intension dieses künstlerischen Aufbruchs zu Beginn des 20. Jahrhunderts lassen sich auch in der Werdauer Kirche wiederfinden. In Chemnitz hatte sie in einem von Henry van de Velde geschaffenen Ambiente gelebt und in ihrem Greizer Atelier mit dem Feiningerschüler Johannes Berthold während des Arbeitens diskutiert.

Ihr Werk ist nicht nur ein einzigartiger Dialog mit dem Schöpfer, sondern sucht auch immer wieder das Gespräch mit dem Betrachter. Somit haben ihre Arbeiten nicht in Museen, sondern in Gotteshäusern ihren angestammten Platz. Auf der Suche nach der verlorenen Tiefe, nach der verborgenen Wahrheit, nach dem Menschen im Menschen fand sie ihre unverwechselbare Formensprache.

Ihre meisterlichen Hohlformen wollen deutlich machen, dass wie bei einem Gefäß nicht die Hülle, sondern der Inhalt den Wert bestimmt. Außenwelten geben den Innenwelten Raum. Der Mensch als ein Gefäß Gottes, in das Gott schöpfen will, in dem aber auch der Mensch seine eigenen kreativen Kräfte entfalten kann. Der in die Plastik hineingemuldete Leerraum spricht für die Beseeltheit, für die eigentliche Substanz des Menschen.

Als sie ihr Thema gefunden hatte, waren ihrer Phantasie kaum mehr Grenzen zu setzen, schienen die Variationen kein Ende zu nehmen. So lagen Papier und Kohlestift immer daneben. Noch während eine neue Arbeit aus dem Holz, ihrem Lieblingswerkstoff, herauswuchs, sah sie auf dem Papier eine neue hinein. Mit Besessenheit, alles um sich herum vergessend, schnitzte, hämmerte, schweißte, malte sie in ihrem Atelierbiotop nahe ihres Hauses in der Greizer Carolinenstraße, das sie fast 50 Jahre bewohnte. Und doch liebte sie den Menschen und das Gespräch. Schnell war man in der Mitte, in der Tiefe, doch sie verstand auch charmant eine Begegnung zu verkürzen, wenn es sie drängte, aus dem Holz herauszumulden, was hineingewachsen war. "Es ist im Holz..

Ihr schrankenloses Gottvertrauen hat sie immer wieder zu kühnen theologischen Deutungen gedrängt, die bis heute erstaunen. Die Menschlichkeit Jesu betonend, gestattete sie ihm selbst den Abstieg des verlorenen Sohnes, ließ ihn sich auf seinem Kreuzweg gar in allen Kreuzen der Welt verstricken. Die dialektische Gegenaussage, Jesu Göttlichkeit nicht in Zweifel stellend, stellte ihn wiederum als barmherzigen Vater dar. Tod und Kreuz nicht ausschweigend, sind doch all ihre Kreuze bereits von der Ostererfahrung geprägt. Lange vor einer Annäherung der christlichen Kirchen hat sie für sich alle Konfessionsschranken abgelegt, vertiefte sich auch in jüdische und islamische Philosophie. Das Spiel und die Variation liebend, fanden bestimmte Kernaussagen, Themen und Gestaltungskomplexe wieder und wieder ihre Gestaltung im Greizer Atelier, wurden dort entworfen, begutachtet, diskutiert, bisweilen verändert. Auch mit Pfarrer Liebster stand sie wegen der bevorstehenden Kirchengestaltung in engem Gespräch, doch darüber hinaus verband sie eine freundschaftliche und herzliche Verbindung, die von gegenseitigem Vertrauen und geistlichem Austausch getragen war.

Ein Brief an die Witwe des sich selbst verbrennenden Pfarrers Oskar Brüsewitz sollte Folgen für sie haben. Erschüttert über die Tat und im Mitgefühl für die Witwe, drängte es sie, ein Grabmal für Brüsewitz zu schaffen. Anscheinend arglos verfolgte Manfred Ibrahim Böhme, wie Reiner Kunze ständiger Gast in ihrem Ateliergarten, den Schaffensprozess. Als die Plastik ,Feuerapokalypse" fertig war, erschienen graue Eminenzen und forderten sie auf, die Arbeit für ein geringes Entgelt an sie abzutreten, andernfalls dürfe sie nicht mehr arbeiten. Nicht mehr arbeiten hätte für sie bedeutet: Nicht mehr leben. Als die Herren gegangen waren, befiel die gewöhnlich unbeschwert auf den Menschen zugehende Künstlerin erstmals grenzenlose Angst. Ihr wurde bewusst, dass Nachbarn, ja selbst Freunde sie bespitzelt hatten, dass die Stasi ihre Briefe einzog und das Telefon abhörte. Eine nie gekannte Erschütterung erfasste sie, verbunden mit grenzenloser Existenzangst. Während dieser Verwundung begann sie ihre Arbeit am Markkleeberger Kreuzweg, und es verwundert nicht, dass sie alle persönlich erlebten Kreuze in den Leidensweg Jesu mit hinein schnitt. In dieser für sie entscheidenden Zeit entstanden auch die Arbeiten für die Werdauer Kirche.

Für eine die Harmonie über alles liebende und um Versöhnung bemühte Künstlerin wurde das Kreuz zur schärfsten Herausforderung. Wenn es im Schaffensprozess seine Schärfe verlor und in das Licht der Auferstehung rückte, so vollzog sich dieser Wandel zuallererst in der Künstlerin selbst, der Lebenskreuze nicht fremd, aber Lebensbewältigung immer wichtiger war. Nach dem plötzlichen Tod der Eltern, die 1965 kurz hintereinander starben, schrieb sie in das Gästebuch einer ihrer vielen Freunde: "Wunden geben Gestalt". Und sie legte ein Foto einer Franziskusgestaltung hinzu, die über dem Grab der Eltern errichtet wurde. Die Wunden und Kreuze haben die Bildhauerin geprägt, sie beim Gestalten, beim Gestalt-Geben beeinflusst. Sie sind auch an den Skulpturen in "St. Bonifatius" zu Werdau abzulesen.

Mit dem Tod der Bildhauerin Elly-Viola Nahmmacher am 5. Mai 2000 im Haus der Tochter in Weimar-Kromsdorf hat eine überaus kreative, weltoffene, hoch gebildete und die Mitmenschen immer wieder mit ihrer Herzensgüte erstaunende Persönlichkeit ihr irdisches Ende gefunden. Doch was sie besonders auszeichnete- überschäumende Phantasie, meisterliches Gestaltungsvermögen, gedankliche Kühnheit und Offenheit in jeglicher Beziehung - lebt weiter in ihrem umfassenden Werk, das es in seiner Vielzahl erst zu erschließen gilt. Es ist das erstaunliche Werk einer noch Staunen könnenden Künstlerin, die, von den unterschiedlichen totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts spürbar belastet, durch den Schöpfungsprozess zu persönlicher Freiheit gelangte und es vermochte, diese Fähigkeit an den Betrachter weiterzugeben. Das meditative Schauen ihrer Bildwerke eröffnet Freiheit und Leichtigkeit. Die Erfahrungen des Bildhauers preisgebend, lädt es den Außenstehenden ein, dem eigenen Weg nachzuspüren, ermuntert zu Phantasie und Kreativität.

Zum Herunterladen:

Stand: 08.12.2018

banner 1 preis