"Eine ehemalige lutherische Friedhofskapelle diente den 3500 Katholiken in Werdau als Unterstand. Sie ist klein, kahl, kalt und entbehrt des Notwendigsten. Da sind keine Kniebänke, ist keine Kanzel, der provisorische Altar zum Weinen armselig und die Sakristei? Dort hinter einer spanischen Wand! Eine frühere Leichenkammer dient als Vereins- und Unterrichtszimmer, während nebenan die Armensärge des Fürsorgeamtes aufgestapelt stehen und das Gemüt der Kinder verdunkeln."

Alte Friedhofskapelle

So beschreibt Pfarrer Kirschenbauer in einem Spendenaufruf für den Kirchbau die Gegebenheiten, unter denen das Gemeindeleben der katholischen Christen in Werdau stattfand. Um diese Situation zu ändern, musste eine eigene Kirche gebaut werden. So wurde 1907 eine „Stiftung zur Erbauung eines katholischen Gotteshauses in der Stadt Werdau" ins Leben gerufen, die im Jahre 1909 einen Kirchbauplatz in der Brüderstraße kaufte. Das Bischöfliche Ordinariat Meißen stellte den Bau der Kirche für Mai 1923 in Aussicht. In diesem Jahr kam es aber zur Inflation und damit zum fast völligen Verlust des bisher gesammelten und zur Verfügung gestellten Baugeldes.

Dies war ein schlimmer Verlust, aber nicht die einzige Unwägbarkeit, mit der die Planer des Kirchenbaues zu kämpfen hatten. So war der gewählte Platz für den Neubau in der Brüderstraße nicht repräsentabel und wurde 1923 gegen das heutige Grundstück in der Holzstraße, welches der Fabrikant Ernst Schmelzer zur Verfügung stellte, getauscht. Der Bau verzögerte sich weiterhin, da die Werdauer Kleinpächter ihre auf dem Baugrundstück angebauten Kartoffeln im Herbst ernten wollten und eine Entschädigung ablehnten- was man ihnen aus heutiger Sicht vor dem Hintergrund der Inflation nicht verübeln sollte. Am 29. Oktober 1923 erteilte der Werdauer Stadtrat die Baugenehmigung für die St. Bonifatiuskirche. Inzwischen aber hatte das Bischöfliche Ordinariat, um die Baugelder durch die Inflation nicht ganz zu verlieren, mit einem Kirchenbau in Bischofswerda begonnen.

Der Baubeginn in Werdau wurde auf das Jahr 1925 verschoben. Doch auch dazu kam es nicht. Die bereits gekauften Baumaterialien litten unter der Witterung und mussten umgetauscht, fremdgelagert oder sogar verkauft werden, da man die Lagergebühren nicht mehr aufbringen konnte. Durch Vermittlung des Bischofs Christian von Meißen mit dem Bonifatiusverein Paderborn kam der Werdauer Kirchbau endlich auf die Vorzugsliste für das Jahr 1926. Da der Bau aber nicht innerhalb von 2 Jahren nach Erteilung der Baugenehmigung von 1923 begonnen werden konnte, wurde diese hinfällig, so dass eine erneute Genehmigung beantragt werden musste. Diese wurde dann am 2. Juli 1926 erteilt und am 29. Juli des gleichen Jahres konnte endlich mit dem ersten Spatenstich der Baubeginn erfolgen.

Im August wurden die Ausschachtungsarbeiten vollendet, das Fundament (auch für den Turm, dessen Finanzierung zu diesem Zeitpunkt noch fraglich war) gelegt und mit der Errichtung des Granitsteinsockels begonnen. Die Bauausführung erfolgte durch die Firma Adolf Wild aus Werdau. Aus Kostengründen fand die Grundsteinlegung am 2. Oktober 1926 in aller Stille statt.

Kirche im Rohbau 1926 Aufräumarbeiten 1927 Bonifatiuskirche 1929

Der Bau ging zügig voran und so konnte am 28. Oktober 1926 bereits Richtfest gefeiert werden. Im Januar 1927 war der Rohbau fertiggestellt. Am 9. November des gleichen Jahres konnte der Architekt Max Meyer aus Plauen dem Bischöflichen Ordinariat in Bautzen die Baufertigstellung melden.

Erzpriester Johannes Rücker aus Zwickau wurde daraufhin vom Ordinariat beauftragt, die vorläufige Weihe der Werdauer St.-Bonifatius Kirche durchzuführen. Diese fand am 27. November 15 Uhr im Beisein von Pfarrer Kirschenbauer, sechs weiteren Geistlichen und unter großer Beteiligung der Katholiken Werdaus und der Umgebung statt.

Endlich, am 1. Advent 1927 (1.12.), konnte nach vielen Jahren der Provisorien das 1. Heilige Messopfer in der neuen Kirche gefeiert werden.

Diese war bei ihrer Einweihung allerdings längst nicht komplett. Altar und Kanzel waren zu diesem Zeitpunkt noch unvollendet, Orgel und Glocken fehlten ebenso wie die Einrichtung der Sakristei. Die musikalische Begleitung der Gottesdienste wurde durch die Aufstellung eines Harmoniums zunächst sichergestellt. (Bis eine eigene Orgel in der St.-Bonifatius-Kirche erklingen konnte, sollte es noch bis Juli 1966 dauern). Vor die Frage gestellt, ob man die Restgelder des Kirchenbaus für eine Turmuhr oder lieber für Glocken ausgeben sollte, entschied man sich für ein Geläut aus vier Bronzeglocken. Diese erklangen in der Silvesternacht der Jahreswende 1928/29 erstmals vom Turm der St.-Bonifatius-Kirche über der Stadt Werdau.

Fast eineinhalb Jahre nach der vorläufigen Benediktion der Kirche erfolgte am 5. Mai 1929 die Weihe der Kirche durch Bischof Christian von Meißen – die St.-Bonifatius-Kirche war vollendet.

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Stand: 08.12.2018

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